Was sagt dir das „demütige“ Verhalten deines Hundes wirklich?

Hast du auch schon einmal gehört, dass Hunde „Demut“ zeigen, wenn sie ängstlich erscheinen?

Oft hört man Aussagen wie:

  • „Der Hund hat keine Angst, sondern er zeigt Demut. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass er dich respektiert.“
  • „Ein demütiger Hund weiß, wo sein Platz ist.“
  • „Hunde zeigen Demut, um Konflikte zu vermeiden und für Harmonie zu sorgen.“
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Doch was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen, dass ein Hund „demütig“ ist?

Dieses Verhalten wird oft als Zeichen von Unterwürfigkeit, Respekt oder Zustimmung interpretiert. Allerdings sind solche Deutungen stark von menschlichen Vorstellungen geprägt. Sollten wir also vorsichtig sein, wie wir die Körpersprache unserer Hunde interpretieren und wie wir darauf reagieren?

Eine Kundin erzählte mir vor einiger Zeit von einem Vorfall während einer Gruppenstunde in der örtlichen Hundeschule, der mich zum Nachdenken brachte. Als die Hunde aneinander vorbeigeführt wurden, weigerte sich einer der Hunde weiterzugehen und stemmte sich in die Leine. Die Trainerin gab daraufhin die Anweisung, den Hund auf den Rücken zu drehen, um ihm „Respekt beizubringen“. Dieses Vorgehen sollte Demut erzwingen – doch ist das eine angemessene oder hilfreiche Reaktion auf das Verhalten des Hundes?

Das Beispiel wirft die Frage auf, ob wir wirklich verstehen, was unsere Hunde uns durch ihre Körpersprache mitteilen, und ob die gängigen Interpretationen von „Demut“ das wahre Bild verzerren.

Der demütige Untertan

Ein Blick in die Geschichte des Wortes „Demut“ zeigt, dass es aus dem Althochdeutschen stammt und ursprünglich „die Gesinnung eines Dienenden“ bedeutete. Es beschreibt die Haltung eines Unterlegenen, der seine Position und die Aufgaben seiner Überlegenen anerkennt. Heutzutage wird der Begriff vorwiegend im religiösen Kontext verwendet, um die Abhängigkeit des Menschen von der Allmacht Gottes zu beschreiben. An dieser Stelle sollte man sich fragen, was dieser Begriff in der Beschreibung von Hundeverhalten zu suchen hat und überlegen, ob er ein hilfreiches Etikett zur Verhaltensanalyse ist.

Demut bei Hunden: Ursprung der Begriffsnutzung

Die wissenschaftliche Diskussion um „Demut“ in Bezug auf das Verhalten von Wölfen und später von Hunden beginnt mit den Arbeiten von Rudolf Schenkel. Im Jahr 1947 veröffentlichte er seine Studien über das Sozialverhalten von Wölfen, die jedoch auf Beobachtungen von Tieren in Gefangenschaft basierten – konkret von Wölfen im Basler Zoo. Dies ist ein wichtiger Aspekt, da das Verhalten von Zootieren stark durch ihre einschränkenden Lebensumstände beeinflusst wird und nicht unbedingt allgemeingültige Schlüsse über das Verhalten einer Spezies zulässt. Schenkels Arbeit zeigt vor allem, wie sich eine Gruppe nicht verwandter Wölfe unter künstlichen und beengten Bedingungen verhält.

In seinen Untersuchungen definierte Schenkel „Demut“ als einen Komplex sozialer Verhaltensweisen, die Unterlegenheit ausdrücken, ohne feindselige Absichten zu haben. Er argumentierte, dass die Motivation hinter diesem Verhalten das Streben nach einem harmonischen Zusammenleben innerhalb der Gruppe sei. Schenkel unterschied zwischen aktiver und passiver Demut, die beide aus ritualisiertem Verhalten im Zusammenhang mit der Fürsorge für Welpen stammen. Die aktive Unterwerfung ähnelt dem Verhalten von Welpen, die Mutter dazu anzuregen, Nahrung zu erbrechen. Passive Unterwerfung zeigt sich, wenn Welpen eine Körperhaltung annehmen, die es der Mutter erleichtert, den Dammbereich zu lecken, um die Ausscheidung von Urin und Kot zu fördern.

Diese historischen und ethologischen Betrachtungen laden dazu ein, kritisch zu hinterfragen, wie angemessen es ist, den Begriff „Demut“ zur Beschreibung des Verhaltens moderner Haushunde zu verwenden, vor allem, wenn es um Verhalten geht, welches dem Menschen gegenüber gezeigt wird. Die Übertragung von Beobachtungen aus dem Wolfverhalten auf domestizierte Hunde ist nicht immer direkt möglich, und der Kontext, in dem solche Verhaltensweisen auftreten, sollte stets berücksichtigt werden.

Aktives Demutsverhalten

Laut Schenkel umfasst die aktive Demut verschiedene Begrüßungsgesten, die durch das Ziel, das das Verhalten hat, unterschiedlich aussehen können.

  • Normale Haltung, Ohren angelegt
  • Geduckte Haltung
  • Anspannung um Fang und Augen
  •  Suchen des Schnauzenkontakts zum Übergeordneten, Stoßen in die Mundwinkel des anderen

Passives Demutsverhalten

Passives Demutsverhalten tritt nach Schenkels Beschreibungen auf, wenn ein Hund sich auf den Rücken rollt und seinen Bauch- und Genitalbereich freilegt. Diese Pose:

  • Ist ein starker Indikator dafür, dass ein Hund einen eskalierenden Konflikt vermeiden möchte: Indem er sich in eine extrem verletzliche Position begibt, signalisiert der Hund deutlich, dass er keine Bedrohung darstellt.
  • Wird oft als Reaktion auf aggressive Gesten gezeigt: Diese Haltung ist eine klare Antwort auf wahrgenommenen Stress oder Bedrohung und dient dazu, Aggressionen zu dämpfen.

Der von Schenkel eingeführte Begriff der Demut in der Ethologie wurde im Laufe der Jahre im deutschsprachigen Raum weiterverwendet, unter anderem durch Forschende wie Zimen und Feddersen-Petersen. Dabei kam es zu einer Anwendung der Beobachtungen von Wölfen auf hündisches Verhalten. Es ist wichtig zu betonen, dass aber auch hier von „demütigen Verhaltensweisen“ und nicht von „demütigen Hunden“ gesprochen wird. Das bedeutet, ein Hund zeigt diese Verhaltensweisen basierend auf der Beziehung und den Umständen mit seinem Gegenüber, und sie sind nicht zwangsläufig ein fester Bestandteil seiner Persönlichkeit. Es geht also mehr um die Interaktion und weniger um eine festgelegte Eigenschaft des Hundes.

Diese Unterscheidung ist wichtig, um Missverständnisse über das Verhalten von Hunden zu vermeiden und zu verstehen, dass die zur „Demut“ zugehörigen Verhaltensweisen situationsabhängig und nicht charakterdefinierend sind. Zudem sollte hinterfragt werden, ob die beschriebenen Verhaltensweisen direkt auf Interaktionen zwischen Hund und Mensch übertragen werden können.

Der aktuelle Blick auf die „demütigen“ Verhaltensweisen

Vergleich zwischen Hunden und Wölfen: Ein wiederkehrender Kritikpunkt in der Tierverhaltensforschung ist die Übertragung der Beobachtungen von Wölfen auf Hunde. Trotz gemeinsamer Vorfahren sind Wölfe und Hunde als individuelle Spezies zu betrachten, deren Verhaltensmuster nicht einfach gleichgesetzt werden können.

Effektivität der Nutzung des Konzepts der aktiven Demut oder Unterwerfung: Die Idee, dass Hunde durch aktive Unterwerfung in Konfliktsituationen Harmonie erzeugen, wird oft diskutiert, aber aktuelle Forschungen zeigen keine klaren Beweise dafür, dass solche Gesten tatsächlich Aggressionen abwehren.

 

Stattdessen wird dieses Verhalten meist in Begrüßungssituationen beobachtet, wo es vor allem der Stärkung sozialer Bindungen dienen soll.
Bei Wölfen, die in Gefangenschaft leben, kann das gleiche Verhalten jedoch als Reaktion auf Bedrohungen auftreten, was die Bedeutung des Kontextes unterstreicht. Dies zeigt, dass das Verhalten eines Hundes nicht immer direkt auf seine tatsächlichen Gefühle oder Absichten schließen lässt. Auch Verhaltensweisen, die früher als Zeichen der Unterwerfung interpretiert wurden, können durch Unsicherheit oder Angst motiviert sein.

Begrifflichkeit in der Forschung: Wissenschaftler*innen wie Bradshaw und Rooney schlagen vor, anstelle von „aktive Demut“ den Begriff „verbindungsorientiertes Verhalten“ (englisch „affiliative display“) zu verwenden. Dies reflektiert die Intention, Bindungen zu stärken, ohne eine Unterwerfung oder Ehrerbietung zu implizieren, was zu Missverständnissen führen könnte.
Die passive Demut kann bei domestizierten Hunden häufig beobachtet werden, wenn es keine direkte Bedrohung gibt, der Hund aber gerade unsicher oder ängstlich ist.

Generalisierung von Verhaltensweisen: Eine Generalisierung der Verhaltensweisen von Hunden, insbesondere in Bezug auf Interaktion mit dem Menschen, ist komplex. Die Übertragung von Beobachtungen zwischen Hund zu Hund oder von Wolf zu Wolf auf Hund-Mensch-Interaktionen ist oft irreführend und nicht gesichert. Verhaltenssignale, die innerartlich oft als demütig interpretiert werden, wie Pföteln, Nase anstoßen, Lippenlecken, Blickabwenden, und die Position von Ohren und Schwanz, sind gegenüber Menschen eher Zeichen, um zu beschwichtigen, wenn sich ein Hund ängstlich fühlt.

Die Bedeutung von Angst beim Hund

Angst ist eine grundlegende Emotion, die als Reaktion auf wahrgenommene Bedrohung oder unsichere Situationen auftritt. Sie dient als Überlebensmechanismus, der den Hund veranlasst, auf Gefahren angemessen zu reagieren, sei es durch Flucht, Einfrieren oder Verteidigungsverhalten. Angst kann durch unterschiedliche Reize ausgelöst werden; das ist häufig sehr individuell und abhängig vom Wesen und den bisherigen Lernerfahrungen des jeweiligen Hundes.
Sie kann sich durch verschiedene körpersprachliche und verhaltensbezogene Anzeichen äußern: Eingezogene Rute, Ohren nach hinten oder flach anliegend, geweitete Pupillen, geduckte Körperhaltung, Lecken der Lippen, Gähnen, übermäßiges Hecheln, Vermeidung von Blickkontakt, Zittern, Erstarren, Rückzug, plötzliches Urinieren.
Angst kann auch zu aggressiven Verhaltensweisen führen, wenn sich der Hund in die Enge getrieben fühlt und keine Fluchtmöglichkeit oder Handlungsalternativen sieht, um die Angst zu mindern.

Demutsverhalten und Angst
Demutsverhalten, oder „submissive behavior“ im Englischen, wird heutzutage weniger als freundliches Begrüßungsverhalten und mehr als eine Reihe körpersprachlicher Signale wie das Auf-den-Rücken-Drehen oder Kleinmachen in Stress- oder Drucksituationen verstanden. Diese Verhaltensweisen dienen als Strategie, um potenzielle soziale Konflikte zu vermeiden und die Zugehörigkeit innerhalb einer Gruppe zu sichern, sie entspringen einer Form der sozialen Angst. In diesem Sinn ist Demut ein sozial adaptives Verhalten, das dazu dient, Aggressionen zu vermeiden und Harmonie innerhalb der Gruppe zu fördern. Hier kann dem Hund gezielt durch angepasstes Verhalten des Menschen geholfen werden.

Ist Demut für dich und deinen Hund wichtig?
Es ist wichtig, dass wir unsere Interpretation von Hundeverhalten regelmäßig hinterfragen. Wenn du Verhaltensweisen, die du bisher als Demut gedeutet hast, genauer betrachtest, könnten diese auch Anzeichen von Angst, Unsicherheit oder Stress sein. Greife daher eher auf wirkliche Beschreibungen zurück, anstatt Begriffe wie „Demut“ oder „Angst“ zu nutzen, die bereits eine Bedeutung beinhalten. Der Kontext, in dem dein Hund diese Verhaltensweisen zeigt, ist dabei ausschlaggebend: Was löst die Reaktion deines Hundes aus? Wie verhält er sich vor und nach dieser Reaktion? Sind die Nuancen in seiner Körpersprache freundliche Gesten oder Audruck von Unsicherheit? Darauf basierend können Interpretationen getätigt werden und dem Hund angepasst zu Erwartungssicherheit verholfen werden.

Abschlussgedanken

Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob wir bestimmte Verhaltensweisen weiterhin mit „Demut“ betiteln sollten. Im englischsprachigen Raum wird unter „submission“ ein Verhalten verstanden, das darauf abzielt, eine soziale Bedrohung zu eliminieren und wird auch mit sozialer Furcht gleichgesetzt. Eine Debatte um Demut, wie im deutschsprachigen Raum ist hier nicht zu finden, was mich grundsätzlich aufhorchen und genauer hinterfragen lässt, woher diese Debatten kommen und was das Ziel von ihnen ist.

Welche Relevanz hat das alles für dich und das Zusammenleben mit deinem Hund? Dein Training sollte nicht darauf abzielen, Verhaltensweisen, wie das auf den Rücken drehen bewusst hervorzurufen oder zu maximieren, sondern vielmehr eine sichere und vertrauensvolle Umgebung für deinen Hund schaffen, in der er sich wohl und geborgen fühlt.

Denk zurück an das Beispiel zu Beginn dieses Artikels, bei dem während einer Hundeschulstunde ein Hund zur „Demut“ gezwungen werden sollte. Dieses Beispiel unterstreicht doch nur wie wichtig das richtige Verständnis der Körpersprache unserer Hunde ist und dass wir uns kritisch mit gängigen Interpretationen von „Demut“ auseinandersetzen sollten. Ein Begriff, der seinen Ursprung darin hat, die vollständige Unterwerfung zu beschreiben, bietet keinen zeitgemäßen Blick auf hündisches Verhalten, vor allem nicht im alltagssprachlichen Gebrauch.

Dein Hund muss weder lernen, Respekt vor dir zu haben, noch muss er sich dir gegenüber „demütig“ zeigen, damit du seine Bedürfnisse ernst nimmst und ihm in eurem Alltag Mitspracherecht einräumst. Im Machtgefälle Hund-Mensch ist unmissverständlich deutlich, wer von wem abhängig ist. Unsere menschlichen Deutungen sind immer wieder von Fehlinterpretationen geprägt und können das wirkliche Bild dessen, was unsere Hunde ausdrücken, verzerren. Es ist unsere Verantwortung, genau hinzusehen und verstehen zu wollen! Meist hilft der Gedanke: wie würde ich gerne selbst behandelt werden wollen, zum Beispiel, wenn ich soziale Unsicherheiten zeige? Die Unterstellung eines ausgeklügelten Schauspiels, wäre für mich keine erwünschte Option. Sie würde mir bei meinen Empfindungen nämlich nicht weiter helfen.

Quellen

  • Abrantes, R. (2012). Canine Ethogram – Social and Agonistic Behavior. https://rogerabrantes.wordpress.com/2012/06/29/canine-ethogram-social-and-agonistic-behavior/ [zuletzt abgerufen am 08.05.2024].
  • Bradshaw, J., Rooney, N., & Serpell, J. (2017). Dog social behavior and communication. The domestic dog: Its evolution, behavior and interactions with people, 133-159.
  • Feddersen-Petersen, D. (2014). Hundepsychologie: Sozialverhalten und Wesen-Emotionen und Individualität. S. 116-119. Kosmos.
  • Grimm, J., & Grimm, W. (1877). Deutsches wörterbuch (Vol. 4, No. 2). S. hirzel.
  • Mech, L. D. (1999). Alpha status, dominance, and division of labor in wolf packs. Canadian journal of zoology, 77(8), 1196-1203.
  • Schenkel, R. (1948). Ausdrucks-Studien an Wölfen Gefangenschafts-Beobachtungen. Behaviour, 1(1), 81-129.

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